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Wer ist denn hier der Verantwortliche?
Zürich. Am Mittwoch, den 10. Juli 2014 betrat das Flip Team zur Mittagszeit die Haupthalle des neugebauten Bahnhofs in Zürich. Trotz des regen Publikumsverkehrs wollte Curren Caples auf Anweisung von Arto Saari und Ian Deacon das massive 14 Stufen Handrail per Lipslide bezwingen. Matt Berger testete schonmal per Sweeper Boardslide die Eigenschaften des Rails, als auch schon die ersten Ordungshüter zur Stelle waren um sich beim Rest der Truppe nach einer entsprechenden Genehmigung zu erkundigen, die selbstredend zu diesem Zeitpunkt nicht vorlag. Die Crew wurde an das Büro des Gebäudemanagers verwiesen und macht sich auf den Weg – kurze Zeit hielt man nebenstehendes Schreiben in den Händen – Curren Caples bedankt sich mit diesem FS Lipslide für die Kooperation.
Foto: Gentsch

Bewilligung Zürich by Soerfi
Das Schreiben das alles möglich machte.
Foto: Soerfi

Wer ist Deutschland?
Wer nämlich eine Rolle spielt, besitzt wenig eigene Identität, und nie war es wichtiger, authentisch und „real“ zu sein als heutzutage. Also wie wird Skateboard-Deutschland eigentlich in der Welt wahrgenommen? Torsten Frank ist jemand, der das beurteilen kann. Als langjähriger Filmer hat er einen großen Teil dazu beigetragen, die deutsche Skateszene zu formen; mittlerweile ist er nun hauptsächlich für adidas rund um den Globus unterwegs. Sein Kommentar zum Thema Identität:

„Lucas Puig fährt eine Line oben ohne, dafür aber mit Sonnenbrille auf. Er kann es sich erlauben, da sein Skating überzeugt und er authentisch ist. In Frankreich haben außerdem Magenta Skateboards einen riesigen Einfluss! Ich war an einem Spot in Paris und Vivien Feil skatet dort, macht seine Powerslides, Slappy Grinds und fährt gebückt unter einem Geländer durch. Ich drehe mich um, und alle französischen Kids skaten wie er! 1995 gab es einen Contest in Stuttgart, zu dem der Thomas-I-Punkt-Bus aus Hamburg vorgefahren kam. Marcus Jürgensen stieg aus, trug einen weißen Visor und einen Ghettoblaster, aus dem Jungle-Mucke kam und alle waren nur so: ‘What the fuck, dann skaten wir jetzt halt auf Jungle-Mucke!’ Eine Woche später ist hier jeder so rumgelaufen, MJ hatte komplett Stuttgart infiziert. Wann gab es das letzte Mal in Deutschland so einen einflussreichen Skateboarder? Die Deutschen sind eher so die Nice Guys…“

Torsten Frank
Torsten Frank, Foto: Biemer

Liegt es an der deutschen Bescheidenheit oder am Understatement im Nationalstolz? An Selbstbewusstsein mangelt es den Deutschen eigentlich nicht, vielleicht dafür am „Swag“? An Mut zum Risiko? Wahrscheinlich schauen wir zu oft darauf, was die anderen machen und orientieren uns mehr oder minder unbewusst daran. Böse gesagt, Skateboard-Deutschland kreist nur um sich selbst und blickt nicht über den Tellerrand. Aber Weiterentwicklung entsteht eben dann, wenn man neugierig ist, aus dem Fenster schaut und vor der Tür spielen geht. Gute Ideen entstehen nicht in Meetings, sondern müssen passieren. Niemand will im deutschen Einheitsbrei leben, doch es fehlt an manchen Stellen die anarchische Lust an Eigenentwicklungen mit unerwarteten Happenings und Störungen.

Skateboard-Deutschland traut sich regelmäßig nicht genug zu polarisieren, sondern geht lieber auf Nummer sicher. Patrick Bös, Kölner Szene-Legende und Blogger bei Domliebe, ist jemand, der eine eigene Meinung zu diesem Thema hat und diese auch öffentlich kund tut: „Deutsche setzen keine Trends, weil es an Typen mangelt und so wird den Trends hinterher gelaufen, bzw. werde die Trends anderer Leute abgefeiert. Da sind uns besonders die Franzosen, Engländer und Skandinavier um Lichtjahre voraus. Was ich sehr schade finde: in Deutschland wird nicht offen kritisiert. Wenn etwas total kacke gemacht wird oder extrem fake ist wird es hinter verschlossenen Türen besprochen, aber nicht nach außen getragen. Ich finde Kritik sehr wichtig.”

Sylvain, was für ein Bild hast du als Franzose von den Deutschen?
„So wie ich das in den Medien sehe, ist die deutsche Szene nicht von Kreativität geprägt. Ich meine nicht, dass man der erste sein muss, der Straight No Complies macht, wir alle haben Internet. Ich meine, dass alles etwas länger dauert. Skater arbeiten hart, sie sind keine Poser. Ich denke, dadurch dass der Fokus in den letzten Jahren auf der Berliner Szene lag, hat sich das internationale Bild von den Deutschen verändert: Nicht alle sind langweilige Contest-Skater. Das muss sich gut anfühlen, nach all den Jahren Hartz IV.“

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Sylvain Tognelli, Foto: Biemer

Was denkst du, Julius Krappe: Wie nehmen internationale Skater Deutsche wahr?
„Ich glaube international hat man ein ziemlich gutes Bild von uns, unser Standing ist anständig! Immer wenn ich irgendwo in anderen Ländern gewesen bin und mit den Locals gesprochen habe, wurde ich direkt über Dinge aus Deutschland gefragt oder die Leute wollten Sachen über Lem, Denny oder Alex wissen. Die hatten direkt richtig gute Jungs im Kopf und haben dadurch auch ein sehr gutes Bild von Deutschland. Viele meinten, sie wollen unbedingt herkommen und meinten, Deutschland wäre der Shit. Ich glaube Deutschland hat ein gutes Ansehen.“

Lem Villemin ist bereits auf der internationalen Bühne angekommen, und besonders durch seinen Stammplatz im globalen Team von adidas hat er die Welt bereist und viel Zeit in Kalifornien verbracht. Er hat sich einst dem deutschen Sicherheitsgefüge entzogen und alles auf die Skateboard-Karte gesetzt. Wir sprachen mit ihm über seine persönlichen Erfahrungen:

„Es gibt einfach nicht genug Support für die deutschen Skater, aber diese sind auch teilweise selbst dafür verantwortlich, weil sie vielleicht einfach nicht mehr daraus machen wollen oder nicht über sich hinauswachsen, weil es ihnen wahrscheinlich reicht. Eventuell liegt es auch daran, dass man sich in Deutschland abgesichert fühlt und ab einem bestimmten Punkt weiß, hier ist man erst mal sicher und muss nicht viel mehr machen, und deswegen macht man das auch so lange. In anderen Ländern wie den Staaten ist es eher so, wenn du deinen ersten Scheck von einem Sponsor bekommst, eine erste Bezahlung fürs Skaten, kommst du vielleicht auf ganz andere Gedanken – dass du z.B. noch mehr daraus machen könntest.“

In Amerika, dem Mutterland des Skateboarding, geht es schnell um viel Geld. Immerhin ist unser deutsches Freizeitvergnügen in den Staaten eine angesehene und ernstzunehmende Sportart, in der Proskater einen Status wie hierzulande Bundesligaspieler genießen – nur ist das Standing eben noch viel cooler. Lem erklärt es wie folgt:

„Die Deutschen sind da anders und beim Skaten nicht so sehr auf Geld aus. Ich habe hier noch nie von irgendwem gehört, dass er mit Skaten viel Cash verdienen will. Aber in Amerika gibt es viele Kids nach dem Motto ‘I gotta make this happen, this is my chance!’, und die übertreiben es halt voll. Aber es ist sicherlich auch Ansporn, dort alles auf eine Karte zu setzen und sich bewusst zu sein, es muss einfach etwas werden, es muss klappen! So war es auch bei mir, ich habe alles darauf gesetzt und vielleicht hätte ich es gar nicht soweit gebracht, wenn ich nicht damals schon gesagt hätte: Ich setze alles auf Skaten und will daraus eine Karriere machen. Es liegt eben auch an einem selbst, was man dafür geben will. Bei vielen deutschen Skatern habe ich eben auch gesehen, dass sie es sich nicht zutrauen. Vielleicht nehmen sie es einfach gar nicht so ernst.

Skaten ist in Amerika eine richtige Sportart. Es ist unvorstellbar, da gehen Eltern morgens mit ihren Kids in die Skateparks, sagen ihnen welche Tricks sie machen sollen und dann wird trainiert. In Deutschland ist es noch immer mehr ein Hobby, aber es ist eigentlich gut, dass mehr die Werte zählen und wer man ist, als das, was man macht. In Amerika geht es oftmals nur darum, Karriere zu machen, Geld zu verdienen und Fame zu bekommen.“

Wunschtraum Profiskater? Nach Amerika ziehen und das ganz große Ding steigen lassen? Die Konkurrenz in Amerika ist allerdings hart.

„In Amerika ist es wirklich oberflächlich, alles ist immer ‘das Beste’, ‘du bist der Coolste’, ‘das ist das Krasseste, was ich je gesehen habe’ und so weiter. Damit komme ich nicht immer klar. Es sind ja auch nicht alle Amis so. Ich meine, jetzt wo ich älter bin, sehe ich das noch mal ganz anders. In Deutschland ist Skateboarding kein Konkurrenzkampf, und vielleicht fehlt das hier auch ein bisschen, um die Szene international voranzubringen. Aber über Skateboard-Deutschland kann man auch stundenlang sprechen, denn am Ende sieht es jeder auch ein bisschen anders.“

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Willow aka “Ze German Hammerking” mit Signature Board einer amerikanischen Company und einem seiner Lieblingstricks: Hardflip. Foto: Gentsch

Fazit
Wir Deutschen sind selbstkritisch und das ist eine gute Sache, denn wer nicht (hinter-)fragt, bleibt bekanntlich dumm. Skateboarding bedeutet uns eine ganze Menge, und dementsprechend sind unsere Ansprüche an unsere Kultur hoch, schlicht weil wir sie so sehr schätzen. Regelmäßig fragen wir uns, warum wir manchmal so merkwürdig deutsch sind und die Antwort ist eigentlich eine ganz einfache: Weil wir nun mal deutsch sind und diese Tatsache nicht ändern können. Machen wir also etwas aus unserer guten Ausgangssituation und beschäftigen uns nicht zu sehr damit, was andere über uns denken. Halten wir also fest: Über den Tellerrand zu schauen tut nicht weh, Weltoffenheit hat noch niemandem geschadet, und Magie passiert außerhalb der Komfortzone. Nicht das Meckern darf die Kunst sein, sondern es besser zu machen. Viele Amerikaner nennen Deutschland „Land of freedom“, und das nicht ohne Grund.

Das Cover zur Titelstory ziert Louis Taubert, renommierter Deutscher Skateboarder mit Meisterpokal im Schrank und einer Menge Reisemeilen auf dem Konto. Wie findest du eigentlich Skateboard-Deutschland, Louis?
„Eigentlich gar nicht so schlecht. Es gibt ne Menge Talente, ne Menge Spots, die richtigen Mags und gutes Business, welches den gesponserten Skatern guten Support ermöglicht. Nur sind dort in der Vergangenheit einige Dinge falsch gelaufen, z.B. sind einige deutsche Skater für die falschen Ami-Brands gefahren, Contests finden auf Sportmessen statt und es gibt zu krass gehypte Charaktere, die eigentlich mal einen Gang runter schalten sollten. Inzwischen hat sich das aber ein bisschen gebessert, wie ich finde. Das Problem ist allerdings, wenn man einmal den Ruf weg hat, ist es super schwierig daraus zu kommen. Das musste ich ab und zu auch am eigenen Leib erfahren.“

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Warum den Sprung über den großen Teich, wenn man auch hier hübsche Sprünge machen kann? Louis Taubert, Ollie. Foto: Sam Clark

Es gibt eine Sache, die wirklich cool ist an Skateboard-Deutschland: „Dass sich niemand drum kümmert, was cool ist oder nicht!“, so Sylvain. Außerdem haben wir Willow aka „Ze German Hammerking“, der nicht nur ein sagenhafter Skateboarder mit einem Pro-Board auf einer amerikanischen Boardfirma, sondern einer der witzigsten Charaktere im internationalen Skateboard-Zirkus ist. Darauf können wir Skateboard-Deutsche wirklich stolz sein! Stolz… haben wir das wirklich gesagt? Genug der Fragerei, lasst uns endlich skaten gehen. Verdammt, es regnet. Typisch Deutschland.

Hype muss sein
Eine der wichtigsten Fragen, die sich uns im Rahmen unserer Recherche stellt, ist die nach der internationalen Relevanz unserer Skateboard-Nation. Aktuell schafft es keine deutsche Company über die Landesgrenzen hinaus für Wirbel zu sorgen. Keine nationale Firma wird global so respektiert wie Cliché, Palace, Polar, Flip oder Jart, allesamt aus unserer europäischen Nachbarschaft. Wo steht eigentlich das Ansehen von deutschen Board-Companys in der Welt? Auf die Frage nach deutschen Board-Companys, in die Runde hinein an Raul Navarro (Spanien), Dennis Durrant (Australien) und Günes Özdogan (Schweden) gestellt, kommt erst ein „Hm, don’t know…“, danach ein „Yeah, Radio, are they from Germany?“ – das ist erschreckend.

Sicherlich ist es nicht damit getan, Boards zu bedrucken und Social Media-Kanäle zu füttern. Die Qualität muss hohen Ansprüchen gerecht werden, die Shapes müssen stimmig und aktuell, die Inhaber echte Persönlichkeiten sein; die Leidenschaft, das Umfeld und die Marke müssen stimmen, dazu ein gesunder Zeitgeist und ein natürliches Gespür dafür, was die Kids und Fans interessiert, bewegt und was überhaupt gerade angesagt ist. Und natürlich wären da auch noch wichtige wirtschaftliche Aspekte, die es zu berücksichtigen gilt. Titus hatte es als älteste Traditions-Company vermeintlich in der Hand, doch der internationale Durchbruch blieb aus. Doch warum wurde sich nur auf den deutschen Markt konzentriert? Die Antwort klingt plausibel. Julius Dittmann, Geschäftsführer des Titus Mailorder und Sohn von Titus:

„Ich habe mal mit Titus über das Thema philosophiert. Es gibt da verschiedene Theorien, die auch je nach Jahrzehnt entsprechend passen. Ein derzeitig relevanter Unterschied zu populären EU-Brands wie Polar, Palace oder Jart ist, dass Titus neben der ‘Marke’ (dem ‘Brand’, der ‘Company’) gleichzeitig auch ein Händler ist (und eigentlich auch immer war). Das ist Fluch und Segen zugleich. Wenn du in der Geschichte jedoch eher Richtung Ende der Neunziger zurückgehst, gab es aus unserer Sicht ein anderes großes Problem: die Titus-Company (zu der Zeit mit vielen Tochterfirmen und Co.) ist in eine fette Krise geraten und musste sich bis 2007 hin kontinuierlich verkleinern und neuen Fokus finden.“

Vielleicht war es einfach nur Pech, doch wenn das nötige Geld nicht zur Verfügung steht, ist es kein Wunder, dass man sich erst mal auf Stabilität in den eigenen vier Wänden konzentriert. Aber: wer dann? Die deutschen Nachwuchs-Companys stehen in den Startlöchern und geben Gas, dabei folgen sie tendenziell einem nationalen Plan, meistens ohne ausländische Teamfahrer. Schade eigentlich.

Es gibt eben keine zwingende Notwendigkeit außerhalb Deutschlands bekannt zu werden, da es der nationale Markt schlicht hergibt. Das Land ist groß genug, die Leute konsumieren, und auch das digitale Netzwerk reicht aus, um Reichweiten zu erzielen. Anders sieht es da in anderen Ländern, beispielsweise Belgien, aus. Dort gibt es kaum nationale Magazine, weswegen junge Skateboarder mit internationalen Medien aufwachsen und dementsprechend gut skaten müssen, um darin gefeatured zu werden. Nicht umsonst brachte das verhältnismäßig kleine Land in den letzten Jahren Größen wie Phil Zwijsen, Nassim Guammaz oder Axel Cruysberghs hervor. Nur am belgischen Bier kann es nicht liegen, denn dann wären WIR ja… nun gut.

In Deutschland ist es relativ einfach, einen Shop-Sponsor zu bekommen, in einem Magazin abgedruckt zu werden oder gar für eine nationale Boardfirma zu fahren. Wir sind zu schnell satt und geben uns bereits mit wenig zufrieden, immerhin sind die genannten Dinge bereits beachtliche Leistungen. Es ist schade, dass nicht mehr Leute den Ansatz und auch Anspruch verfolgen, global zu denken. Immerhin ist Skateboarding in der Welt zu Hause und jeder, der auf einem Board steht, wird maßgeblich von Amerika beeinflusst.

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Hat alles auf die Skateboard-Karte gesetzt und ist damit international erfolgreich. Lem Villemin, Foto: Biemer

An Klischees kommt man nicht vorbei
Fragt man in Sachen Skateboarding nach typisch deutschen Klischees, bekommt man wahrscheinlich relativ identische Antworten – Crooked Grinds, Contest-Skater oder Treflips mit extremer Schere sind allgemein als deutsche Klischees bekannt und oft zitiert. Dinge, bei denen man mit relativ geringem Aufwand ein gutes Ergebnis erzielen kann. Ist der Crooks erst mal gelernt, ist er ein leichter Trick und sieht dabei cool und dynamisch aus – sehr beliebt bei z.B. Contest-Runs. Wettbewerbe im Allgemeinen passen besonders gut zu unseren deutschen Tugenden wie Ehrgeiz und dem Sinn für Effizienz. Deutsche mögen es gradlinig und messbar, sie mögen den Vergleich, um die eigenen Qualitäten einschätzen zu können.

Aber eigentlich sind Deutsche gar keine Contest-Skater mehr! Das lässt sich an aktuellen Starterzahlen belegen: Waren vor zehn Jahren noch stets an die 100 Skater bei den Deutschen Meisterschaften, gehen mittlerweile nur noch halb so viele Fahrer an den Start. Sicherlich liegt das auch an der Identitätskrise des COS (Club Of Skaters, Veranstalter der Dt. Meisterschaften), der zwischen Authentizität und Vermarktbarkeit hin- und hergerissen ist. Contests auf Teenie-Messen in grauen Hallen machen einfach keinen Spaß, doch irgendwer muss das Spektakel nun mal finanzieren.

Nun sind „wir“ nicht nur Fußballweltmeister und Spitzenklasse im Export von Autos, sondern waren immerhin auch Weltmeister in der Disziplin Game of SKATE – einem Spiel mit klaren Strukturen und Regeln, bei dem ein außergewöhnlich talentierter Alex Mizurov 2006 die richtige Strategie bewies und effizient geskatet ist. Es gibt im Skateboarding nicht besonders viele Möglichkeiten, bei denen diese Mechanismen greifen und zum Erfolg führen können. Man kann beinahe sagen, effizient zu skaten ist ein Feind des kreativen Ausdrucks. Alex hat seit jener Zeit gefühlt keinen einzigen Treflip mehr gebailt, und es ist schlussendlich ein gutes Gefühl sein Board in jedem Versuch 360° in zwei unterschiedliche Richtungen flippen zu können, bevor dieses wieder perfekt unter die Füße zurück kommt. Das Klischee ist vertretbar, doch Boardkontrolle zu haben ist einfach geiler.

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Deutsche lieben es gradlining und messbar – außerdem die Kontrolle zu bewahren. Stephan Pöhlmann, Gap to Nosebluntslide. Foto: Burny

Außerdem gilt auf der ganzen Welt als typisch deutsch: Wir sind nicht locker, haben keinen Humor und können zu wenig über uns selbst lachen. Doch stimmt das wirklich? Gilt das auch für Skater? Zu diesem Klischee haben wir Sylvain Tognelli, französischer Proskater, der seit mehreren Jahren in Berlin lebt, befragt:

Sylvain, haben die Deutschen keinen Humor und sind wir nicht lustig?
Humor ist eine individuelle Eigenschaft. Das kann man nicht pauschal auf ein Land beziehen. Meine Freunde in Berlin haben einen sehr direkten Humor. Ich kann damit gut umgehen, manchmal verstehe ich zwar nicht, warum jetzt gelacht wird, aber das schiebe ich jetzt mal auf die Sprachbarriere. Ob ihr Deutschen generell nicht lustig seid, ist eine schlechte Frage, Humor ist nicht international! Wir sind aufgewachsen mit amerikanischer Comedy im Fernsehen, vielleicht wären wir anders, wenn wir chinesische Comedy konsumiert hätten, wer weiß das schon!

Next Level
Die jüngere Generation hat es nun in der Hand, Skateboard-Deutschland zu formen, zu gestalten und zu modernisieren. Doch ist diese bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen und ist das überhaupt notwendig? Will irgendwer überhaupt Verantwortung haben, wozu überhaupt und was soll eigentlich das Ziel sein? Ein Image ist planbar, aber sicherlich nicht sein Erfolg. Was wollen wir überhaupt, wer wollen wir sein? Und wollen wir überhaupt irgendwer sein oder langt es uns, einfach nur unser (deutsches) Ding zu machen? Wir zählen weiter Stufen und bemerken, dass der Trick von Dylan in seinem letzten Part für HUF bereits ABD ist. Sind wir keine Gönner? Wissen wir es einfach besser? Bei uns bleiben Fünfe auch mal ungerade, denn Ordnung muss sein. Die kreative Finesse hält sich in Deutschland zurück, denn die Deutschen sind mehr Techniker denn Ästhetiker. Das ist generell auch völlig in Ordnung, immerhin wachsen wir auf mit der heiligen Dreifaltigkeit der deutschen Industrie – Qualität, Wertarbeit und Zuverlässigkeit. Allerdings: es ist weniger cool. Und wer ständig pünktlich ist, verpasst manchmal die gewissen zehn Minuten vor dem Spiegel, um sich „was Cooles“ anzuziehen und nicht nur „was Praktisches“ überzuwerfen, bevor er das Haus verlässt. So wird es zumindest den Franzosen nachgesagt.

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Die Sache mit den ABDs und NBDs nehmen Skateboarder sehr genau. Da hört der Spaß schnell auf, wenn ein Trick an einem Spot gemacht wurde und tatsächlich doch noch jemand den Trick machen will. Umso besser ist es also Tricks zu machen, die aller Wahrscheinlichkeit nach noch nie jemand aus Deutschland zuvor gemacht hat. Markus Blessing, Kickflip BS Noselbluntslide an einem deutschen Handrail. Sequenz: Wagner

Liegen bei überhaupt irgendwem die Verantwortlichkeiten für ein ganzes (Skateboard-)Land? Heutzutage kann jeder viral gehen und mit guten Ideen überzeugen. Auch Medien spielen eine wichtige Rolle und haben als unabhängige Meinungsmacher mit großer Reichweite einen hohen Stellenwert in der deutschen Skateboard-Gesellschaft. Problematisch wird es da, wenn Quantität der Qualität überlegen ist – denn dann sind wir auf dem besten Weg, in die absolute Verblödung geführt zu werden. Der Nachrichtensprecher Hanns Joachim Friedrichs hat einmal sinngemäß gesagt: „Du kannst so dumm sein, dass dich die Schweine beißen. Wenn du es jeden Tag im Fernsehen bist, ist dein Weg zum Ruhm nicht aufzuhalten.“

Im Internet wird viel Wert auf Entertainment gelegt und die neuen Medien verstärken das Bedürfnis nach Selbstdarstellung und Selbstvermarktung nur noch, weil auch diese sich selbst vermarkten müssen, doch am Ende wird sich die Qualität durchsetzen. Bleibt zu hoffen, dass in einer Zeit, in der es vermehrt um Erfolg, Image und Konsum geht, genügend Nachwuchs kommen wird, der ehrlichen Werten im Skateboarding folgt und nicht versucht, eine Rolle zu spielen…

Weiter in Teil 3:
Ist Skateboard-Deutschland noch zu retten? – Wer ist Deutschland?

Ein Bericht zur Lage der Nation
„Skateboard-Deutschland“ – das sind wir und das bist du, das ist unser Zuhause, unsere Heimat, hier haben wir gelernt zu skaten, sei es in der Großstadt, in einem kleinen Ort oder auf dem Bauernhof: In Deutschland wird eigentlich überall geskatet. Skateboard-Deutschland umfasst mehr, als wir denken: Es ist gradlinig, sicher, rund, glatt und auch steif, langweilig, vorhersehbar und messbar. Deutsche Gründlichkeit meets amerikanischen Funsport-Lifestyle. Aber es ist auch dynamisch, humorvoll, gesellig, kreativ, inspirierend und positiv. Wir beleuchten Klischees und wollen zum Nachdenken anregen, Fragen stellen und die eine oder andere Antwort geben. Für unsere Recherche begeben wir uns auf eine Reise durch die Skateboard-Republik, mit Vorurteilen bewaffnet und dem Ziel, die urdeutsche Lust am Meckern zu befriedigen und ein Update unserer aktuellen Szene-Situation zu zeichnen. Erste Erkenntnis: Nicht die Deutschen, sondern die Franzosen und Amerikaner haben weltweit den höchsten Pro-Kopf-Verzehr von Sauerkraut.

By Benni Markstein

Du bist Skateboard-Deutschland
Jeder kennt sicherlich die Geschichte von Titus, wie er in den Siebzigern die ersten Boards nach Deutschland schmuggelte; danach folgten goldene Jahre in der Halfpipe, in denen besonders Claus Grabke und auch Ralf Middendorf international für Furore gesorgt haben. Allerdings war Skateboarding zu diesem Zeitpunkt wirklich noch sehr klein, weswegen man den Begriff „Skateboard-Deutschland“ noch nicht benutzte. Spätestens mit dem Nord-Süd-Battle zwischen den deutschen Skatern bekam Skateboard-Deutschland Anfang der neunziger Jahre eine nationale Struktur. Ab diesem Zeitpunkt sind besonders die Fotografen Helge Tscharn und Thomas Gentsch die deutschen Autobahnen rauf und runter gedonnert, um deutsche Skater auf die Landkarte zu setzen und in die Magazine zu bringen. Unbewusst schufen sie durch ihre Arbeit ein Archiv deutscher Skateboard-Kultur für die Ewigkeit.

Man traf sich zu dieser Zeit auf Contests in Hamburg, Braunschweig, Münster, Mönchengladbach oder Limburg, allesamt Städte mit richtig guten Skatehallen, die als Treffpunkte der nationalen Szene wichtige Anlaufstellen waren. Man erzählte sich Geschichten, tauschte sich aus, man sah sich ja nicht besonders oft. Es gab die ersten deutschen Videos und besonders das Monster Movie Mag hat Deutschland ab Anfang der Nullerjahre footagemässig geprägt. Es bescheinigte, dass die deutsche Szene am Start gewesen und richtig gut Skateboard gefahren ist. Früher war eben alles besser. „Früher hatten wir eben noch ’nen Kaiser“, besagt ein altes Sprichwort, und ganz in diesem Sinne wollen wir den vergangenen Tagen nicht hinterhertrauern, sondern vielmehr festhalten, dass es einfach eine gute Zeit gewesen ist.

Denn das Ende naht und vielleicht ist es mit Skateboarding in Deutschland bald vorbei. Wir sind glücklich, dass es den Münster Mastership gegeben hat: Ein World Cup, der seinem Titel noch alle Ehre machte – und das international! Anarchie in freier (Skater-)Wildbahn, auf dem Parkplatz pennen, pfandfreies Dosenbier stechen, Scheiße bauen, befreit Skater sein, Leute treffen, Leute kennenlernen, Stuff verticken, Kippen schnorren, sich ’ne Mark leihen. Wann gab es das zuletzt in Deutschland? Und wann war dabei eine große Elite amerikanischer Pros vertreten, um kräftig mitzuspielen? Die Exklusivität, die ein Mastership transportierte, ist relativ geworden. Und wie steht’s um modernes Street-Skating? Es scheint, als wäre der Drang, sich im urbanen Raum auszutoben, nicht mehr so unbändig. Jugendliche sind bequemer geworden, es gibt mehr Skateparks und dadurch mehr Möglichkeiten „in Ruhe“ zu skaten und sich nicht über Hausmeister und Cracks im Boden aufregen zu müssen.

Yannick Schall
Yannick Schall, Nollie Boardslide to fakie. Seq: Biemer

Aber viel wichtiger noch: Im Skatepark sind die Erfolgschancen auf gestandene oder neu gelernte Tricks wesentlich höher als am Stufenset vor dem Rathaus oder dem Wallie-Spot an der Hauptverkehrsstraße. Erfolgserlebnisse braucht der Jugendliche heutzutage ohne Ende, denn es geht verstärkt um Einzelinteressen, weniger um das gesellschaftliche Ganze. Wo früher die Orientierung an Traditionen Sicherheit gab, herrscht heute Beliebigkeit und Unübersichtlichkeit. Anstelle einer gemeinsamen Session, geht’s heute um Selbstvermarktungsfähigkeiten, Social Media sei Dank.

Die Jugend verändert ihre Gepflogenheiten, sie stellt heutzutage weniger das System in Frage, da sie zu sehr damit beschäftigt ist, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, ein Teil von ihr zu sein und mithalten zu können. Weniger das System in Frage zu stellen bedeutet automatisch weniger Rebellion, die einen wichtigen Antrieb für Skateboarding darstellt. Wir Deutschen leben in bekannten Sicherheitsgefügen, doch damit Skateboarding bemerkenswert wird, braucht es vor allem Reibung, denn nur so kann Kreativität freigesetzt werden. Allgemein gesprochen macht Wohlstand das Leben leicht und hebt die Laune. Als Folge von Fleiß, Disziplin und Folgsamkeit wächst dieser gerade in Deutschland, und besonders die junge Genration ist in der Lage, sich einen gesunden Konsum zu leisten, den sie vielleicht gar nicht braucht, aber haben will…

Mizurov
2006 gewann Alex Mizurov das Weltfinale im “Game Of SKATE”, außerdem ist er dreimaliger Deutscher Meister. Er weiß ganz genau, wie er sein Talent effizient einsetzen kann. Foto: Burny

Weiter in Teil 2:
Ist Skateboard-Deutschland noch zu retten? – Hype muss sein


Eniz Fazliov – Noseslide to Fakie
Seq: Gentsch


Tommy May – FS Halfcab Flip
Seq: Bo


Valerie Rosomako – FS Lipslide
Seq: Daniel Wagner

Das Erste Mal – N.S.V.C.
Einen Moment liegt er lachend auf dem Boden, im nächsten fährt er einen Trick aus, den er noch nie zuvor probiert hat – ein einziger Versuch war genug. Okay, vielleicht etwas übertrieben, aber umso deutlicher das Bild: Der Hamburger Lebemann bereist gerne andere Länder und versucht dort auch immer etwas Kulturelles mitzunehmen, sei es auch nur eine neue Sorte Flaschenbier. Der leicht nordische Akzent und seine gemütliche Ausstrahlung sprechen für den „Cleptomanen“ und Robotron-Skateboards-Profi. Wir haben ihn zwischen Rotterdam und Portugal nach seinem „ersten Mal“ gefragt, und hier sind seine Antworten… Schickung!

Erstes Skateboard: Flip, Tom Penny mit Tensor Achsen.
Erster Sponsor: Vaddern.
Erste Tour: Ich glaube, das war mit Lakai und DVS nach Mallorca, ca. 2005?
Erstes Skatevideo: Monster Movie Mag 7, illegale Raubkopie auf VHS.
Erste eigene Bude: Mit 17 zu meinem älteren Bruder gezogen.
Erste Sache, die du machst, wenn du wieder im Heimathafen bist: Freundin begrüßen.
Erster Hamburger, der einen Anruf bekommt: Dennis Behrens.
Erster Versuch, jeder Versuch: Bolognese kochen.
Erste Reaktion auf dein eigenes Robotron-Board: Wie alle: „Böööhhhh!“
Erster Trick des Tages: Sicherheitscheck: Kickflip: bestanden!
Erste gute Tat am Tag: Zähneputzen, die freuen sich.
Erster Song am Morgen: Rupert Holmes – „Escape“.
Erster Song, den du auf der Gitarre spielen konntest: „Hands Away“ von Interpol (so halb).


Boardslide pop out

Photos: Thomas Gentsch

Laut des Filmers Flo Deger “Another little Skateboard Flick”, der mit guter Besetzung über Michi Simon, Till Zu Dohna, Alex Ullmann und Matthias Ellinger sehenswert daherkommt.

Bereits zum dritten Mal in Folge gewinnt Louis Taubert aus Kiel den COS Cup. Schon am Samstag ließ er keine Fragen offen, so fuhr er in der dreiminütigen Jam Session Stay On und war dementsprechend verdient als Erster für das Finale qualifiziert. Platz zwei holte sich Christoph “Rudi” Radtke, der z.B. einen amtlichen BS Double Flip über den Curbcut donnerte und seinen Run mit einem Kickflip FS Boardslide am großen Rail beendete. Dieser war leider außerhalb der Zeit, doch trotz eines BS Nosebluntslides am Kicker-to-Ledge Obstacle kam der Drittplatzierte Patrick Rogalski nicht mehr am Hannoveraner vorbei. In der Gesamtwertung ist Louis nun Top-Anwärter auf den Titel des Deutschen Meisters, dessen Entscheidung vom 26.-28.10. im Europark Rust fallen wird.


Radtke, Taubert und Rogalski


Den Skullcandy Best Trick Contest gewann Alex Ring mit einem Kickflip BS Smith Flip out

Ergebnisse Relentless COS Cup Münster Street 2012

1. Louis Taubert
2. Christoph Radke
3. Patrick Rogalski
4. Yannick Schall
5. Alex Mizurov

Gesamtwertung Relentless COS Cup 2012 (nach vier von fünf Tourstops)

1. Louis Taubert 3500 Punkte
2. Alex Mizurov 3350 Punkte
3. Yannick Schall 2700 Punkte
3. Florian Westers 2700 Punkte
5. Tom Kleinschmidt 2650 Punkte


Der Skaters Palace befand sich nicht unbedingt im besten Zustand, doch die Fahrer zeigten Klasse und haben alles aus den Obstacles heraus geholt


Till zu Dohna und Hendrik Kaczmarek


“Thorsting” mit Gentsch – first try!


Karsten Feyler, David Luther, Hillie und Gentsch


Yannick Schall


Patrick Rogalski, DJ Wemsor und Alex Mizurov


Prost, Louis!


Vladik Scholz und Henning Tapper